Aktuelles

blog

Der Coming Out Tag...

...ist gedacht als Tag, an dem jenen, die sich im Coming-Out-Prozess befinden, Mut gemacht werden soll, diesen Schritt zu wagen, zu sich und der eigenen sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität zu stehen und dadurch Stärke zu gewinnen. Sich öffentlich zu zeigen ist nicht nur eines der wirksamsten Mittel gegen Homophobie und Transphobie sondern wirkt auch aufklärend über die Schwierigkeiten beim Coming Out.

Unsere Mitglieder Patrick und Horst (Landespolizei), Daniela (Justizvollzug), Michael (Zoll) und Christopher (Kriminalpolizei) haben auf unsere Fragen zum dienstlichen Coming Out geantwortet:

Wenn du an die Zeit vor deinem dienstlichen Coming Out zurückdenkst, was hat dich damals vom Coming Out vor den Kollegen und Kolleginnen abgehalten?

Patrick: Grundsätzlich ist aus meiner Sicht die sexuelle Orientierung ein sehr privates und intimes Gut und muss die Arbeitskollegen erstmal gar nicht interessieren. Problematisch wurde es, wenn man dann doch kollegialer, persönlicher oder gar freundschaftlicher miteinander umgehen musste, weil z.B. der Streifendienst längere Gespräche und gegenseitiges Kennen und Vertrauen verlangte. Gehindert hat mich dann die Angst, nach dem Coming Out anders behandelt oder ausgegrenzt zu werden - war ich doch eher auf einer ländlichen kleinen Dienststelle tätig.

Horst: Die Ängste und "worst cases" habe ich mir im Kopf zusammen gesponnen und waren respektive gesehen völlig unbegründet. Ich habe mich von Horrorgeschichten Anderer verleiten lassen und mir gedacht: "Mir wird es bestimmt genauso ergehen oder sogar schlimmer" Mein ehemaliger Chef auf einer Landdienststelle hat, als er von meiner Gesinnung erfahren hatte (das Coming out war nicht geplant...ich wurde mehr oder weniger bloßgestellt, weil ich mich mit jemandem aus dem Dienstbereich getroffen habe, der meinen Chef persönlich kannte), gemeint: "So etwas wie Sie will ich auf MEINER Dienststelle nicht haben"....dann wurde ich versetzt und ich habe mich richtig wohl gefühlt...dann hatte ich auch das Gefühl, dass JETZT der richtige Zeitpunkt war...und so war es dann auch. Es hat jedoch sehr lange gedauert, bis ich wieder genügend Selbstvertrauen hatte, dass ich es überhaupt in Erwägung zog, mich zu outen...

Daniela: Als ich 2011 bei der Justiz angefangen habe, war ich von Anfang an geoutet. Ich habe daraus nie ein Geheimnis gemacht, da ich zu dem Zeitpunkt noch mit meiner Frau verpartnert war.

Michael: Mich hat damals, man mag`s nicht glauben, zum großen Teil meine Schüchternheit, aber vor allem mein Prinzip der Trennung von Beruf und Privatleben davon abgehalten. Zum Teil aber auch manche "einfach gestrickte - oder Macho" Kollegen. Man mag nicht glauben, wie viele Kollegen es auch im mittleren Dienst mit einer sehr begrenzten Weltsicht und wenig Lebenserfahrung gibt. Mein Prinzip der Trennung von Beruf und Privatleben halte ich aber bis heute zum großen Teil bei. Nach Dienstende ist für mich die Arbeit bis zum Dienstbeginn "Geschichte". Auch bin ich der Überzeugung, dass Kollegen grundsätzlich keine Freunde sind und habe dementsprechend in meiner Freizeit nur mit ganz wenig auserwählten Kollegen auch mal private Kontakte. Das sind dann meistens junge heterosexuelle Kollegen, die gerne den Rat eines Älteren suchen.

Christopher: Ich wollte von den Kolleginnen und Kollegen nicht in eine Vorurteilsschublade gesteckt und damit nur auf meine Sexualität reduziert werden. Was ist jetzt anders, was hat sich nach deinem dienstlichen Coming Out für dich geändert?

Patrick: Jede (!) persönliche Beziehung zu jedem einzelnen Kollegen auf meiner Dienststelle hat sich positiv verändert - selbst zur Chefetage. Einerseits kann ich ehrlich, offen und kontaktfreudig sein, verstecke mich nicht mehr hinter manchen Lügengeschichten, andererseits empfinde ich mich mehr in die kleine Familie der Dienststelle aufgenommen und habe endlich die Freiheit, mich voll auf meine Arbeit konzentrieren zu können.

Horst: Ich bin offener und extrovertierter geworden, was aber nicht heißt, dass ich es jedem auf die Nase binde. Ich gehe offener auf Menschen zu, weil ich nicht mehr Angst haben muss, dass man "es" mir an der Nasenspitze ansieht. Ich rede offen mit meinen Kollegen über die "RosaWiesn" und mit befreundeten KollegInnen auch über die "rosa Welt"...aber ich definiere mich nicht darüber...ich sage nicht: ich bin ein schwuler Polizist....nein, ich bin ein königlich bayrischer Polizeivollzugsbeamter, der halt privat mit einem Mann zusammen lebt. Die es nicht interessiert hören weg. Alle anderen nehmen mich so wie ich bin: dienstlich und privat.

Daniela: Da ich nie ein Geheimnis daraus gemacht habe, ist alles beim Alten.

Michael: Geändert hat sich für mich nichts, Attacken wären sowieso erfolglos gewesen. Schließlich hatte ich einen festen Dienstposten, Lebenszeitbeamter, gute Beurteilungen usw. Möglicherweise wurde hinten rum getuschelt oder gewitzelt.

Christopher: Meine Kollegen wissen nun, dass ich einen Partner habe, ansonsten hat sich nichts geändert und so sollte es ja auch sein. Welche Rolle hat VelsPol Bayern bei deinem Coming Out gespielt - davor und danach?

Patrick: Ich bin durch einen bekannten Kollegen aus Nürnberg auf die Idee VelsPol aufmerksam geworden und war dann bei der Vereinsgründung dabei. Für mich war es zunächst eine willkommene Möglichkeit, als junger Polizist Anschluss zu finden. Ich habe mich sehr dafür interessiert, wie offen andere Kollegen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen und welche Erfahrungen sie auf ihren Dienststellen gemacht haben. Da fühlte ich mich aber noch lange nicht so weit, ich wusste aber schon, dass ich keine Angst haben muss. Ich wollte eigentlich nur den richtigen Moment auf der richtigen Dienststelle abwarten. Vielleicht war es dann auch mein Freund, mein jetziger Lebenspartner, der mir den letzten Mut mit auf den Weg gab. Im Nachgang halte ich VelsPol für eine damals längst überfällige Einrichtung, welche noch viel zu wenig Beachtung im Polizeiapparat erhält. Zu wissen, dass es Ansprechpartner, Hilfe bei Mobbing, Unterstützung bei Problemen gibt, gibt mir immer noch ein Gefühl von Sicherheit.

Horst: Mein erster Kontakt mit VelsPol war auf dem CSD München 2009...ich war Beamter in Einsatzhundertschaft und war zum Streckenschutz eingeteilt. VelsPol war für mich damals etwas "Verbotenes" und Verbotenes zieht einen ja bekanntlich magisch an. Ich tat so, als würde ich die Jungs und Mädels ignorieren, aber insgeheim wäre ich gerne dabei gewesen. Es hat trotzdem nochmal 3 Jahre gedauert, bis ich den Mut hatte den Mitgliedsantrag zu unterschreiben. Ich bin froh darüber, weil man hier ungezwungen "unter sich" sein kann, aber auch den beruflichen Draht zueinander hat... und hinsichtlich Freundschaften war es ein absoluter Zugewinn.

Daniela: Leider (!) gar keine, da ich Mathias, einen der damaligen Vorstandsmitglieder, in Ulm auf dem CSD getroffen habe, als ich schon bei der Justiz war. Ich finde es aber super, durch VelsPol viele nette Leute kennengelernt zu haben.

Michael: VelsPol spielte keine Rolle. Ich war damals aber schon Mitglied.

Christopher: Viele Kollegen bei Velspol Bayern schilderten mir, dass sie keine negativen Erfahrungen bzgl. des dienstlichen Coming Outs hatten, was mir den Schritt erleichterte. Mittlerweile bin ich einer von mehreren Kolleginnen und Kollegen von Velspol Bayern, die den Polizeianwärtern in Bayern, im zweiten Ausbildungsabschnitt, das Thema Homosexualität innerhalb der Polizei in 2 Stunden näher bringen. Dieser Unterricht geht auf eine Initiative von Velspol Bayern zurück. Wenn du einen Tipp an LGBT Kollegen und Kolleginnen hättest, wie würde dieser lauten?

Patrick: Beitreten und selber erleben! Man kommt auf keine Liste. Man wird nicht geoutet. Aber man bekommt das wichtige Gefühl, nicht mit seinen Problemen alleine da zu stehen. Zu sehen, was VelsPol in bereits kurzer Zeit erreicht hat, lässt darauf hoffen, dass sich noch einiges tun wird - trotz des bayerischen konservativen Starrsinns.

Horst: Lasst euch nicht erzählen, wann es richtig sei, sich zu outen, ob es gut ist oder nicht. Ihr müsst es für euch selber entscheiden. Es muss sich gut anfühlen und ihr müsst dahinter stehen, ansonsten kann es euch in den Rücken fallen. Euer Verstand sagt euch, wann es "richtig" ist, wenn es sowas wie richtig oder falsch überhaupt gibt. Vielmehr geht es darum, ob ihr den akzeptiert, den ihr im Spiegel seht - mit und ohne Uniform. Wenn das nicht der Fall ist, lasst euch Zeit, denn dann seid ihr noch verwundbar. Wenn ihr soweit seit, geht mit dem gleichen Selbstbewusstsein in den Dienst. Wenn ihr das geschafft habt, dann läuft es, versprochen! Denn wenn es privat nicht läuft, nehmt ihr das mit in den Dienst... und umgekehrt.

Daniela: Jeder muss selber wissen, wie er oder sie mit ihrer sexuellen Identität umgeht und lebt. Für mich kam es nie in Frage, es vor meinen Kollegen zu verheimlichen. Es war - für mich - die richtige Entscheidung.

Michael: Ich empfehle, vor einem Coming Out erst mal das eigene berufliche Umfeld und vor allem die Kollegen genau zu beobachten. Außerdem würde ich die Lebenszeitverbeamtung abwarten und eine gewisse Sicherheit sollte aufgebaut sein. Vor dem ersten Coming Out würde ich raten, den richtigen Zeitpunkt und die Kollegen genau auszusuchen, denn wenn eine Info erstmal draußen ist, kann man sie kaum noch steuern. Ich bin aber immer noch der Überzeugung, dass in der heutigen "Ellenbogenzeit" nach wie vor eine Trennung von Beruf und Privatleben wichtig ist, vor allem aber für die eigene psychische Gesundheit. Die Arbeit darf nur soweit wie notwendig ins Privatleben hineinreichen. Deshalb rate ich, Zeitpunkt, Umfeld und aktuelle Situation bei einem Coming Out zu beachten und selbst zu bestimmen. Aber vor allem - ob geoutet oder nicht - keine Lügen oder verdrehte Tatsachen erzählen, wie z. B. sich mit einer angeblichen Freundin treffen, die tatsächlich ein Kerl ist oder aus Kerlen Frauen machen usw. Lieber in der Arbeit wenig, aber dafür so authentisch wie möglich von sich erzählen. Alles andere macht einen nur psychisch kaputt und irgendwann ist man nicht mehr in Lage, sich im eigenen Lügennetz zurecht zu finden. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Schwule oft mit psychischen Problemen konfrontiert sind.

Christopher: Habt bitte keine Angst, euch zu outen. Wenn ihr Fragen oder Probleme habt, dann setzt euch mit uns in Verbindung (und werdet Mitglied). Patrick, Horst, Daniela, Michael und Christopher freuen sich auf eure Kommentare!

Welche Gedanken hast du zu diesem Thema? Hast du vielleicht selbst schon Erfahrungen gemacht mit einem Coming Out im Dienst?

zurück zum Artikel